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August 22

"Hilde, bist du das?"
Was für eine Frage! Fee Colora, die Farbenfunkelnde - das bin ich.
Selbstverständlich kann ich auch anderes versprühen, wie Düfte oder Gefühle: Freude, frische Himbeeren, Vergnügen, verschiedene Erinnerungsdüfte, Verwirrung, Walnüsse, Erotik, sogar Zorn oder nasse Wollsocken, wenn's sein müßte ... im Handumdrehen, mit einem "Zing!"
So ist das mit den Feen - wer Dornröschen gelesen hat, sollte das wissen.
Nein, "Hilde" heißen vielleicht andere in ihrer Freizeit.
Womöglich gibt es sogar irgendwo eine solche Fee, doch ich kenne niemanden diesen Namens außer ... - nein! das wird er nicht ... - außer einer kleinen dicken, stets schwarzgekleideten Hexe mit einem struppigen Besen; sie kommt aus dem angloamerikanischen Sprachraum, weshalb die Wilde Hilde dort auch als Broom-Hilda bekannt ist.
Ein Besen ... hm, ich sollte meinen Feenstab überprüfen; der Technik-Gnom hat zwar beim letzten Kundendienst auf die rote Endlocke seines pelzigen Schwanzes geschworen, die Funkelfähigkeit sei selbst bei Gewittersturm und Küstennebel störungsfrei, aber diese kleinen rothaarigen Wesen flunkern meistens kurz vor dem Feierabend.
Ein paar schwungevolle Linien, leuchtend in die Luft gemalt, zeigen mir jedoch: der Gnom hat nicht geschwindelt und mein Sternchen sprühender Funkelstab ist unmöglich mit einem Besen zu verwechseln.
Ah - huch! ... stimmt womöglich etwas nicht mit meinem eigenen Aussehen?
An mir so weit wie möglich hinunterblickend, stelle ich beruhigt fest: alles bestens. Ohne Spiegel kann ich weder meinen Bauch noch meine Füsse sehen. Puh! - keine Hilde-Figur, die aussieht wie ein knubbeliger Kartoffelsack. Es steht nur vor, was vorstehen soll, damit der Ausschnitt des Kleides nicht sinnlos wirkt. Naja, und meine Nase ... also: wer behauptet, man bekäme mit einer Stupsnase ein ordentliches "Zing!" zustande, hat keine Ahnung von einem wirklich guten "Zing!"
Ja.
Damit steht einwandfrei fest, daß keinerlei Ähnlichkeit mit der Wilden Hilde besteht. Ich kann durchatmen. Der Technik-Gnom auch.
Trotzdem: wie kommt jemand bloß darauf, mich für eine Hilde zu halten? Sollte ich mir eines dieser Plastikschildchen an den Ausschnitt meines Feenkleides klippsen: "Hier bezaubert Sie Fee Colora"? Quatsch, das übersieht jeder.
Lesen ... hm ... im Profil, da wo außer meinem deutlich sichtbaren Feennamen auch mein außer-märchenhafter, außer-spaciger Privatnamen steht, da wird er sich verlesen haben.
Der ist aber auch nicht zum Gebrauch gedacht. Feen pflegen keine vertraulichen Kontakte mit Erdlingen, auch wenn anderslautende Berichte kursieren. Das gibt bloß Ärger.
Diese Sachen wie erstmal mit süßen Worten oder einem leckeren Essen anlocken, Treppen mit Leim bestreichen, Kleider rauben oder was sonst noch als Geheimtipps weitergegeben werden: vergeßt es. Mehr als ein unmutiges "Zing!" ist damit nicht zu erreichen und diese Fee ist weg.
Allerdings wäre es mir lieber, man ließe die Pläne für "Wie fange ich mir eine Fee?" einfach fallen und gewöhnte sich an den Gedanken, daß eine Fee kein putziger Kanarienvogel ist und ihre Freiheit braucht, um zaubern zu können.
June 23

Liberty trat leise aus den Wolken heraus, breitete ihre Flügel aus und erhob sich in die Lüfte. Weisse Federn spreizten sich, und das Sonnenlicht umstrahlte sie, während sie durch klares Himmelsblau und Dämmerlicht dahinsegelte, bis sie den Drachen gefunden hatte. Sie zwickte ihn in die Schnauze. Ein gedämpftes Rumpeln und eine Rauchwolke kündeten davon, daß der Drache langsam erwachte. Zuerst öffnete sich ein rotes Auge, um Liberty anzusehen, dann ein zweites. Der Drache lächelte schließlich und wedelte mit dem Schwanz - eigentlich wandt und schlug er ihn durch seine Höhle. Liberty faltete ihre Flügel zusammen und rieb sich ihren rechten Ellbogen, während sie den Drachen anlächelte und sagte: "Drache, hast du in der vergangenen Nacht die Mondfinsternis gesehen? Es war so großartig, so unvergeßlich." Der Drache richtete sich auf, wischte sich den Schlaf aus den Augen und nahm einen Schluck Drachentrunk, um seine Kehle zu glätten, dann sagte er: "Natürlich habe ich die Mondfinsternis gesehen, immerhin war ich es, der den Mond rot werden ließ!" Eine kleine Rauchwolke begleitete seine Worte als Zeichen seiner Mißbilligung, mehr kindisch als mit drachischer Würde. Liberty entgegnete: "Du dummer Drache, das warst doch nicht du; du hattest nichts mit der Verfinsterung oder der Farbe des Mondes zu tun. Die gute alte Zeit ist vorüber," sagte sie sanft aber bestimmt. Der Drache zog seine Klauen ein, schlug die Augen nieder und ganz leise zuckte sein Schwanz. Einige Augenblicke schwieg er und starrte hinaus in den Sternenhimmel. Liberty stand einfach da, legte eine Hand auf seinen Kopf, fuhr einer Augenbraue nach und tätschelte ihn dann freundlich, als wäre er ein alter Hund. Die ewige Band ihrer Liebe tat ihm wohl und in seinen Augen glitzerte es, als er sagte: "Ja, ich weiß, die gute alte Zeit ist dahin, darum schlummere ich ja so viel. Du aber siehst so gut aus wie nie zuvor! Doch warum reibst du deinen Ellbogen?" Der Drache nahm noch einen Schluck Drachentrunk, während Liberty lächelnd atwortete: "Es ist nichts, es schmerzt nur ein wenig vom Halten der Fackel, aber reden wir später darüber." So sprach sie und rückte näher an den Drachen heran, so daß sie beim Sitzen je einen Flügel und einen Arm um ihn legen konnte. So saßen sie ruhig, Kopf an Kopf geschmiegt, während Welten und Worte um sie herumkreisten. Die Erinnerung an die gute alte Zeit und Gedanken an neue Welten verdrängten das Jetzt. Oh ja, die Erinnerungen! Liberty und der Drachen tanzten zusammen mit den "Lords und Ladies", den Engeln, Feen und Elfen, den Geistern des Waldes, der Berge, der Felsen, Flüsse, Meere und all den Irrlichtern und Elmsfeuern, die die Nächte und Vorstellungen erleuchten. So war es immer gewesen und würde es immer sein ... Da streckte der Drache lächelnd seine Hand aus und sagte: "Schere, Stein, Papier?" Liberty lachte laut auf, ein Lachen, so klar und süß, daß es widerhallte in allem was war. Während sie ihren Ellbogen rieb, blickte sie den Drachen an und sagte mit einem Lächeln: "Liebster Drachen, es steht irgendwo geschrieben, am Anfang sei das Wort gewesen. Das Wort war es, was uns in den menschlichen Geistern zum Leben erweckt hat. So konnten wir wiederum der Menschheit Schönheit und Heilkräfte durch die Magie der Märchen schenken, Dichtung und Kunst, den Traum von anderen Welten und der Schönheit in allem." Da saßen sie nun beide in tiefes Schweigen versunken und in die Betrachtung des traurigen Zustands der menschlichen Geschichte. All der Terror, die Kriege, Hungersnöte und Gier, Katastrophen und Seuchen, menschliche Grausamkeit gegen Seinesgleichen, das Vergewaltigen und Zerstören des Planeten Erde, das vieles davon erst hervorgerufen hatte. Das Leben: etwas so Süßes, Heiliges - Wunsch, Traum. Liberty seuzte und sprach: "Mein Ellbogen schmerzt mich so vom Hochhalten der Fackel," und sie weinte in den Armen des Drachen. Der Drache trocknete ihre Tränen und sagte: "Liebe Liberty, auch wenn sie uns für die Dummheiten in ihrem Leben nicht brauchen, brauchen sie uns doch immer, um ihnen mit der Magie der Märchen die Schönheit und das Großartige in allem zu zeigen. "Ja, dort wird es uns immer geben." So breitete Liberty ihre Flügel aus und schwebte mit einem Lied der Freiheit empor, und sie hielt die Fackel hoch, damit alle ihr Licht weithin sehen sollten.
Die Schönheit der Märchen sollte genausoviel wert sein wie die Wirklichkeit. Wir brauchen Geschichten und Vorstellungen, die mehr sind, als bloße Unterhaltung. Wir haben diese Gabe des Wortes bekommen, und den Wunsch, diese Gabe zu teilen, denn sie ist der größte Schatz für unsere Zukunft.
Dieses Märchen ist nicht von mir erfunden, sondern nur aus dem Englischen übersetzt.
April 14
"Denkst du schon wieder daran?" fragte mich die Ratte, als sie meinen Blick in die unsichtbare Ferne schweifen sah. "Ich weiß, du willst es nicht hören, wenn ich in dem Zusammenhang Meister Pratchett zitiere, aber: Wir sind dumm, und das Gedächtnis spielt uns Streiche. Wir erinnern uns an die Schönheit der Elfen, an die Art und Weise, in der sie sich bewegten. Wir vergessen dabei, was sie waren. Wir sind wie die Mäuse, die sagten: 'Eins muss man den Katzen lassen - sie haben Stil.' - und dieses Zitat, meine Liebe, gilt für dich ebenso wie für mich." "Ich weiß es ja," seufzte ich, "und daran wird sich nichts ändern."
(Die Ratte zitiert aus: "Lords und Ladies" v. Terry Pratchett) April 13
Der winterweiße Eiswolf ist schon vorübergelaufen und nicht mehr zu sehen, nur das kristallene Weiß von seinem dichten Fell hängt noch an den Zweigen, und der abgekühlte Hauch seines Atems schwebt noch zwischen den Bäumen des Waldes; in der Ferne hörst du vielleicht noch seinen Gesang ... Doch sieh nur: seinen Spuren folgt ein Mädchen - es tanzt zwischen den froststarren, beschneiten Bäumen und den in graues Zwielicht getauchten Zweigen über die Lichtung. Ihre bloßen Füßen berühren kaum den Boden, und doch schmilzt unter ihnen der Schnee. Im goldenen Schimmer, unter den Falten ihres reichverzierten Blumenmantels beschützt, erwärmt sich die gefrorene Erde, und auf das hellbraune, feuchtdampfende Vorjahreslaub streut die Hand des Mädchens zahllose Blüten, die sich in der erwärmten Erde verwurzeln. Duftendes Dreiblatt, Buschwindröschen und zartgrüne Blättchen leuchten bereits hell. Mit ihrem goldenen Stab, einem magischen Zweig, berührt die Frühlingsfee die Bäume und Sträucher und weckt sie damit aus demWinterschlaf. Wo immer ihr wolkenweiches, duftendes Kleid und ihr weiter, blumenbestickter Mantel darüberwallen, breitet sich hinter ihr ein Teppich aus Blüten und Kräutern aus, und die Vögel beginnen zu singen. Die warme Luft hinter ihr lockt die Schar der schillernden Schmetterlinge und funkelnden Libellen, die das bunte, leinene Kleid der Sommerfrau umschwärmen, in deren sonnenwarmer, strahlender Gegenwart die zarten Blättchen sattgrüne Blätter werden. Unter den beschwörenden fließenden Bewegungen ihrer goldbraunen Hände strecken sich die Halme und Zweige, um Früchte zu tragen. Diese runden sich unter der Sonne, und werden endlich rot und blau und golden betupft vom Pinsel des wunderbarsten Malers der Welt, der mit seinen Farben nicht spart, sondern klares Gold, Rot und Braun dunklem Blau und Grün feucht und satt davorsetzt, der die Natur und alles darin berauscht feiern läßt, mit allem was die Erde aus den Blüten seiner Tochter und der Wärme seiner Frau hat werden lassen, der den Wein großzügig rotfärbt in den Blättern und im Glas, bis er nach einem Blätterwirbel am Ende erschöpft die Hände sinken läßt. Wie gut, daß hinter ihm der Eiswolf wiederkehrt und die Führung übernimmt durch die Novembernebel, dem die ganze Familie folgt in ein neues Jahr ...
April 12

Es gibt Sprachen, in denen erzählen sich die Menschen Geschichten vom Mann im Mond, und andere, bei denen hat der Mond einen weiblichen Namen, La Luna. Sie haben vergessen, weshalb das so ist, denn es ist eine sehr alte Geschichte, und wie alle alten Geschichten wurde sie immer wieder erzählt, verwandelt, zerissen, fastvergessen, wiedererinnert, neuzusammengesetzt ... wie die Erinnerungen an einen Traum. Als das Mondlicht mit seinen blassen Finger zärtlich durch die blauen Schatten der schlafenden Bäume streifte, als ich zusah, wie es mit den Stunden wanderte, als suche jemand geduldig etwas in den dunklen Schatten Verlorenes, da träumte ich ihn:
Nacht für Nacht, während sich die Erde dreht, schon unvorstellbar lange Zeit währt diese Suche.
Es begann alles damals, als das ganze Universum noch eine Art Meer aus schwebenden und herumwirbelnden Möglichkeiten war, nichts anderem unterworfen als dem Prinzip.
Woher das Prinzip selbst gekommen sein mag, liegt in noch viel weiterer Ferne, jenseits des Meeres der Möglichkeiten. Wir wissen nichts darüber außer daß es ist und wie es wirkt: auf unfaßbare Weise bilden Möglichkeiten Strudel, in denen sie umeinander kreisen, angezogen voneinander. Tango- und Flamencotänzer verstehen am besten, uns Menschenwesen eine Vorstellung davon zu vermitteln.
Die Wirbel verdichten sich hier und da zu festen Körpern, ...
Es waren ein Mann und eine Frau, deren glühende Herzen von der Musik des Prinzips aus den gasförmigen Wolken geformt worden waren.
Weil Musik sie geformt hatte, sangen ihre Herzen.
Der Mann fühlte sich unwiderstehlich angezogen vom singenden Herzen der Frau. Er eilte durch die Galaxien, und je näher er kam, je deutlicher er das Lied ihres Herzens vernahm, desto mehr beeilte er sich. Doch konnte er seine Kraft nicht mehr zurücknehmen, als er sie erreichte, darum blieb ihr erster Kuß der einzige: das Herz der Erde erzitterte zum Zerspringen, als er in sie eindrang und sein eigenes zerschellte in viele Teile, die gemeinsam mit Herzenssplittern der Erde fortgeschleudert wurden, wo sie der leidenschaftlichen Musik des Prinzips gehorchend wirbelnd umeinandertanzten, bis sie sich für immer vereinten. So entstand der Mond.
Die brennenden Wunden im Herzen der Erde schlossen weitere Bruchstücke des männlichen Herzens für immer in sich ein.
Die Musik des Prinzips wurde in ihrem Herzen zu einem sehnsüchtigen Lied, und während das verwundete Herz der Erde sang, begann es, salzige Tränen zu weinen, die im Sonnenlicht in allen Farben des Regenbogens glitzerten.
Die Erde begann zu träumen, während sie sich im Tanz um sich selbst und um die in ihre geborgenen Herzenssplitter ihrer großen Liebe drehte.
Während ihre Tränen bald alles mit salzigem Wasser bedeckten, träumte die Erde und ihre Träume begannen zu leben. Manche von ihnen bekamen grüne Blätter, andere Flossen, manche Federn und vieles mehr. Das Schönste aber war, daß alle Träume ihre eigenen Stimmen bekamen, um in das Lied des Prinzips einzustimmen mit Wispern und Rauschen, Zwitschern und Rufen, mit gesungenen Geschichten sogar und klingenden Instrumenten.
Der Mond, entstanden aus den Bruchstücken des Herzens des Mannes und Splittern des Herzens der Frau wiegt ihre Teile in sich ebenso im Tanz um sich selbst, wie er sehnsuchtsvoll die Erde umkreist, die in sich seine anderen Teile birgt, unheilbar sind sie getrennt und doch vereint.
Anfangs umrundete der Mond die Erde noch in engeren Kreisen, doch je vielfältiger und zauberhafter der Gesang ihrer Träume wurde, desto mehr wurde ihm Angst, daß die Sehnsucht zu überwältigend werden könnte und es erneut zu einer zerstörerischen Begegnung kommen könnte. Darum rückt der Mond langsam immer ein bißchen weiter ab.
Er bewundert aus der Ferne seiner Umlaufbahn das blaue Leuchten der Erde im Licht der Sonne, und antwortet ihr, indem er das Licht der Sonne auf seiner steinernen Oberfläche spiegelt, um es ihr immer dorthin zu senden, wo nächtliche Schatten auf der sonnenabgewandten Seite im unzureichenden Licht der Sterne das Lied nahezu zum Schweigen brächten.
Zu seinem Leidwesen wird er manchmal selbst teilweise vom Schatten der Erde verdeckt, während sie sich umeinander drehen.
In Vollmondnächten aber fühlt alles Wasser auf der Erde sich vom Mond angezogen, entstanden ja aus den salzigen Tränen der Erde, und alle auf ihr lebendig gewordenen Träume spüren diese Sehnsucht, fühlen sich von ihrer Kraft angezogen und vom Zauber der Musik des Prinzips.
Ob Meeresbewohner, Landwesen oder Märchengestalt, sie alle antworten auf ihre Weise dem Mond, dessen Bild sich in jedem Tropfen Wasser auf Erden spiegelt. Die Erde träumt dann, daß sie den Mond umarmen kann, im Glanz der Sterne.
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